Ein wegweisendes Buch

| von Markus C. Kerber

Der bekannte Wirtschaftsjournalist Dr. Häring legt mit seiner Monographie eine anregende, nicht nur das breite Publikum interessierende, sondern auch an die Wissenschaft adressierte Studie vor, die überfällige Dogmen in Frage stellt und in einer Zeit, die von Schulden und Bankenkrisen gekennzeichnet ist, Lösungswege zeigt, die eine vertiefte Diskussion verdienen. Um es vorweg zu sagen: Leider wird Härings Buch in der Wissenschaft schon deshalb nicht gebührend rezipiert werden, weil die Standards wissenschaftlicher Auseinandersetzung nicht eingehalten werden. Dies gilt nicht nur für die Form der Thematisierung und Zitation, sondern auch für die überwiegend journalistisch geprägte, indes anregend, anschauliche und sehr lesbare Darstellungsweise. Häring räumt, dies ist sein Verdienst, mit der neoklassischen Sicht – dem geradezu religiösen Glauben an die universelle Regelungsfunktion des Marktes in der Finanzwirtschaft – auf. Er tut dies, indem er ein Thema in den Vordergrund seiner Erörterungen stellt, das gerade von der Neoklassik ignoriert wird: Macht. Dadurch, dass die Neoklassik das Phänomen von Macht in den Beziehungen zwischen Zentralbank und Regierung und Banken und Zentralbank ignoriert, setzt sie sich dem Vorwurf einer unvollständigen Erfassung der Realität aus. Es ist zweifellos das Verdienst von Härings Buch, die Marktmacht im Finanzgewerbe anschaulich und mit vielen Beispielen und Zitationen belegt dargestellt zu haben. Dies gilt insbesondere für das Geldschöpfungsprivileg der Banken. Diese Ausführungen sind nicht neu, dennoch in ihrer Anschaulichkeit und Plausibilität durchschlagend. In dem ausführlichen Literaturverzeichnis, welches beweist, mit welcher Inbrunst Häring seinem Thema nachgegangen ist, fehlt indes der Hinweis auf einen Gelehrten, der nie theoretisch ernst genommen und dennoch für sich in Anspruch nehmen konnten, dem Phänomen der Macht mit ökonomischen Kategorien zu Leibe gerückt zu sein. Von Helmut Arndt scheint Häring nichts gehört zu haben. Auf sein Werk [1] hätte Häring unschwer stoßen können. Nicht nur Helmut Arndt hätte es verdient, von Häring wiederentdeckt zu werden, sondern Häring hätte gut daran getan, diesen auch für die deutsche Wettbewerbspolitik wichtigen Anstoßgeber der wissenschaftlichen Nomenklatura wiederum vor Augen zu führen. Indessen erteilt Häring nach einem außerordentlich lesbaren ersten Kapitel über das Machtphänomen in der Finanzbranche im dritten Kapitel über Marktmacht Lektionen, die auch für das breite Publikation etwas einfach ausfallen. Während er noch im ersten Kapitel und in der Einleitung Macht als das Fehlen von Wettbewerb gekennzeichnet hat, verpasst er im dritten Kapitel die Möglichkeit, auf den großen legislativen Versuch, der Marktmacht im Wege des Kartellrechts habhaft zu werden, hinzuweisen. Zu dieser Problematik sucht man vergebens im Literaturverzeichnis nach einschlägigen Autoren, die in der internationalen Kartellpolitik ausgewiesen sind. Auch bei der Problematisierung von korporativer Macht (management power) hätte ein Blick auf die bahnbrechende Habilitationsschrift von Ernst-Joachim Mestmäcker [2] manche oberlehrerhafte Ausführung, die ohnehin nicht sehr originell ist, überflüssig gemacht.

Insgesamt fällt das Urteil über Härings Buch indes sehr positiv aus. Der Versuch, aus fachjournalistischer Sicht Anstöße zu vermitteln, zum Denken anzuregen, Tabus zu brechen und Dogmen in Frage zu stellen, ist nicht nur inhaltlich, sondern auch formal gelungen.

So wird in der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise wird für jeden wirtschaftspolitisch Interessierten, der nicht an verklärte Dogmen glaubt, sondern der Wahrheit auf den Grund gehen will, Norbert Härings Buch zu einer Pflichtlektüre.


[1] Vgl. Helmut Arndt, Markt und Macht, 2. Aufl. 1973, ders. Irrwege der politischen Ökonomie, München 1979; ders. Recht, Macht und Wirtschaft, Berlin 1968; ders. Kapitalismus Sozialismus, Konzentration und Konkurrenz, Tübingen 1976 sowie ders. Wirtschaftliche Macht, 2. Aufl., München 1977.

[2] E.-J. Mestmäcker, Verwaltung, Konzerngewalt und Rechte der Aktionäre, Saarbrücken 1958.

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