Leichte Kost

«Sire, ich eile ...»: Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle | von Markus C. Kerber

Der Rowohlt-Verlag hat auf dem Waschzettel das Buch mit den Worten vorgestellt, der Autor führe mit äußerster Verknappung, jedoch historisch präzise nicht nur die Unvereinbarkeit von freiheitlichem Geist und absolutistischer Macht vor Augen, er rücke auch Voltaires berühmte Gefährtin Émilie du Châtelet ins Bild.

Nur zu Recht ist hier von einer Verknappung des historischen Stoffes die Rede. Und nicht unberechtigt wurde in der Süddeutschen Zeitung Schädlich als ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreiche, gewürdigt.

Das Opusculum von Schädlich bietet leichte Lektüre zu einem komplexen historischen Stoff. Zutreffend schildert er die umstrittene Stellung Voltaires im Frankreich der Aufklärung. Die Angriffe, derer er sich aufgrund seiner ketzerischen Schriften erwehren musste, seine ewige – manchmal erfolglose – Suche nach Geldmitteln sowie sein privates Glück mit Émilie du Châtelet.

Friedrich kommt erst mit Beginn seiner Rheinsberger Zeit zu Wort. Auf einmal – ohne nähere Vorbereitung des Lesers – schreibt der Kronprinz im Jahre 1736 an den großen Voltaire eine Epistel voller Elogen. Noch bevor Friedrichs Vater, Friedrich Wilhelm, stirbt, schickt der Kronprinz Friedrich Voltaire fünf Kapitel seines „Antimachiavell“ und wird von ihm bei seinem Bemühen um Drucklegung und Publikation unterstützt. Das Buch erscheint nach seiner Thronbesteigung Ende September 1740 anonym, indes bearbeitet und herausgegeben von Voltaire.

Ausgemachte Sache ist für Schädlich die Homosexualität Friedrichs. So schreibt er über die Rheinsberger Zeit, in dessen Schloss „zarte Freundschaft zwischen Männern“ herrschte. Voltaire wird als jemand beschrieben, der die behauptete Homosexualität Friedrichs lediglich zur Kenntnis nimmt. Amüsant und dennoch aufschlussreich sind die von Anbeginn der Beziehung bestehenden geschäftlichen Hintergedanken Voltaires. Dies fängt mit der Reisekostenabrechnung an und hört mit der Apanage, die er am preußischen Hofe verlangt, auf. Aufschlussreich sind auch die Elogen, die Voltaire auf den militärischen Eroberungskrieg ausbringt, dem sich Friedrich bedenkenlos ausliefert. Da der französische Hof zu jener Zeit über die Expansionspläne Friedrichs beunruhigt war, kam Voltaire als Aufklärungsdichter gerade zur rechten Zeit. Dass – wie Schädlich darlegt – der französische Botschafter in Berlin das Gerücht verstreut habe, Voltaire werde in Paris verfolgt und befindet sich auf der Flucht, bleibt ohne Belege.

Neues über die unterschiedlichen Missionen Voltaires kann man bei Schädlich allerdings nicht nachlesen. Stattdessen bekommt der Leser reichlich Stoff geboten über die parallelen privaten Beziehungen Voltaires zu seiner Nichte und die Verbindung zu Émilie du Châtelet. Als Émilie am 10. September kurz nach der Entbindung stirbt, ist Voltaire verzweifelt. Nach Meinung von Schädlich ist dies der ausschlagende Grund für seine Reise nach Preußen, wo er am Hofe den Status eines Kammerherrn erhält.

Von nun an beginnt die gegenseitige Instrumentalisierung, die sowohl in der historischen Literatur als auch in der Auswertung des Briefwechsels hinreichend beschrieben worden ist. Es kommt wie es angesichts der merkantilen Interessiertheit von Voltaire kommen muss: Die Geschäfte Voltaires führen zum Streit. Am 1. Januar 1773 schickt Voltaire seinen Orden und seinen Kammerherrenschlüssel an Friedrich zurück. Als Voltaire schließlich über Leipzig in Richtung Frankfurt fährt, lässt ihn Friedrich dort im Sommer festsetzen. Die Verbitterung Voltaires ist groß. Mit diesem Scharmützel endet die Darstellung Schädlichs. Doch wissen jene, die sich um den Briefwechsel Voltaires mit Friedrich bemüht haben, dass nach jedem désenchantement irgendwann die retrouvaille folgt. So finden Friedrich und Voltaire vermittelt durch die Schwester Friedrichs brieflich wieder zueinander, weil es im 7jährigen Krieg für Friedrich  nicht zum Besten steht. Dieses höchst aufschlussreiche, historisch interessante, literarisch ebenso preziöses Kapitel unterschlägt Schädlich dem Leser. Dennoch ein interessantes und leicht lesbares Buch.

Details zum Buch

Titel: «Sire, ich eile ...»: Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle
Autor: Hans Joachim Schädlich
Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Rowohlt
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3498064169
ISBN-13: 978-3498064167